Interview mit Gabriela Arnold von eva

Jugendliche fit machen für den Umgang mit Geld im Alltag

Gabriela Arnold, Ausbildungsbegleiterin und Coach (FH) bei der eva

16. Februar 2012

Die eva (Evangelische Gesellschaft Stuttgart e.V.) engagiert sich in verschiedenen Projekten und Workshops für chancenarme Jugendliche. Dazu zählen in diesem Jahr auch Angebote, die die Jugendlichen fit im alltäglichen Umgang mit Geld machen.

Die CreditPlus Bank unterstützt 2012 die eva mit einer Spende aus ihrem Weihnachtskartenprojekt – und zudem mit aktivem Engagement: Mitarbeiter der Bank schulen in den Workshops die Jugendlichen zu grundlegenden Finanz- und Konsumthemen.

Sie vermitteln Jugendlichen, die nach der Schule oder Berufsvorbereitung noch keine Ausbildungsstelle gefunden haben, den Zusammenhang von Bildung, Ausbildung und dem späteren Leben. Wie tun Sie das?

Die chancenarmen jungen Menschen, die zu uns kommen, sind etwa zwischen 17 und 25 Jahren alt. Meist werden sie vom Jobcenter oder der Agentur für Arbeit an uns vermittelt. Viele haben zu diesem Zeitpunkt gar keine Vorstellung davon, wie ihr weiteres Leben verlaufen soll. Aber sie wissen, dass eine Ausbildungsstelle wichtig für sie ist. Zu allererst geht es für uns darum, die Jugendlichen ernst zu nehmen. In intensiven Berufsberatungsgesprächen oder Tests versuchen wir herauszufinden, welche Berufe infrage kommen und zu den Fähigkeiten, Neigungen und Eigenschaften des jungen Menschen passen.

Dabei sehen sie auch direkt, wie viel Geld sie in den jeweiligen Berufen verdienen können. Es genügt aber nicht, nur den Arbeitsplatz und damit die finanzielle Grundlage zu sichern. Vielmehr geht es darum, die Jugendlichen für den Alltag fit zu machen. Daher machen wir viele praktische Übungen, die den Jugendlichen helfen sollen, sich alleine mit ganz alltäglichen Situationen wie kochen, einkaufen, Wohnung suchen und so weiter zu recht zu finden.

Wie viele Jugendliche betreuen Sie im Durchschnitt pro Jahr? Wie viele davon schaffen den Sprung zu einem Ausbildungsplatz?

Im Bereich Arbeit, Beschäftigung und Ausbildung vermitteln wir jährlich etwa 1.000 junge Leute in einen Beruf. Dazu kommen über unser offenes Bewerbungscenter JobConnections weitere 6.000 Jugendliche. Wir bieten sehr verschiedene Programme und Möglichkeiten an. Dazu zählen etwa Kurse für Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Kurse, die zuerst einmal die Grundlagen vermitteln, damit die Jugendlichen überhaupt ausbildungsfähig sind.

Ein weiteres Projekt ist die assistierte Berufsausbildung, bei der im letzten Jahr 150 Plätze zur Verfügung standen. Hierbei erhalten die Jugendlichen gezielte Bewerbungstrainings, lernen, wie man sich im Beruf verhält oder was bei einem telefonischen Vorstellungsgespräch wichtig ist. Zudem absolvieren sie vorab ein vierwöchiges Praktikum. 40 Prozent schafften nach der sechsmonatigen Vorbereitungsphase den Einstieg in eine betriebliche Ausbildung. Dabei unterstützen wir die Auszubildenden und Betriebe auf jeden Fall in der Anfangsphase und bei Bedarf auch noch darüber hinaus.

Ihr Programm „assistierte Berufsausbildung“ beinhaltet dieses Jahr einige Workshops zum „Umgang mit Geld“. Was wird in den Workshops vermittelt?

In den Workshops geht es um die Fragen: Was kostet mein Leben wirklich? Was kann ich mir leisten? Wie halte ich Einnahmen und Ausgaben im Blick? Viele Jugendliche haben wirklich keine Vorstellung davon, wie viel Geld sie wofür benötigen. Sie wissen nicht, dass sie bei einer Wohnung nicht nur den monatlichen Mietpreis, sondern auch Nebenkosten einplanen müssen oder wie sie nach einer geeigneten Wohnung suchen können. Das üben sie bei uns.

Weitere praktische Übungen bestehen darin, einmal das eigene Telefonverhalten genau unter die Lupe zu nehmen und dann einen passenden Handyvertrag abzuschließen. Dazu zählt auch, die Vertragsdauer, Kündigungsfristen und das Kleingedruckte zu beachten. Außerdem lernen sie, sich selbst besser einzuschätzen. Nach dem Motto: Brauche ich das wirklich? Daher ist ein zentraler Bestandteil die Budgetplanung mit Einnahmen- und Ausgabenrechnung.

Welchen Bezug haben die Jugendlichen zu Geld? Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf?

Geld ist bei vielen jungen Menschen negativ behaftet. Das heißt: Entweder haben sie in der Familie gelernt, dass nie genug Geld da ist und es deswegen oft zu Problemen oder Streit kommt oder Geld ein Tabuthema ist, über das man nicht spricht. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, wie sie Schulden vermeiden, welche Rolle die Bildung spielt, was Geld mit Lebensqualität zu tun hat oder was Zinsen bedeuten.

Vertrauen ist daher die Grundlage, damit die jungen Menschen offen mit uns über das Thema Geld und auch ihre finanziellen Schwierigkeiten reden. Ich denke, ohne professionelle Unterstützung würden viele der jungen Leute ihre Ausbildung abbrechen, um einfach und schnell Geld zu verdienen. Sie würden dann nicht darüber nachdenken, dass sie später nur Hilfsarbeiterjobs bekommen, die unsicher und schlecht bezahlt sind.

Einige der jungen Leute haben bereits Schulden. Was motiviert sie, ihre finanzielle Situation wieder ins Lot zu bringen?

Zuerst versuchen wir herauszufinden, wie die Schulden zustande kamen, wie sie abgebaut werden können und was geschehen muss, damit keine neuen Schulden mehr dazu kommen. Manchmal stellt sich heraus, dass die Jugendlichen für einen Freund gebürgt haben, ohne genau zu wissen, was das für sie bedeutet. Bei Bedarf arbeiten wir mit Schuldnerberatern zusammen. Manchmal helfen auch ganz praktische Spartipps, die wir im Zuge der Einnahmen- und Ausgabenrechnung geben können.

Die Wünsche und Träume der chancenarmen Jugendlichen überraschen Außenstehende oft: Sie wollen eine Familie gründen, ein ganz normales Leben führen, akzeptiert und beachtet werden oder einmal verreisen. Ein Netbook oder ein teures Auto stehen recht weit unten auf der Wunschliste. Wir zeigen ihnen daher, wie das ganz normale Leben gelingen kann.

Gabriela Arnold, Ausbildungsbegleiterin und Coach (FH) bei der eva

Welchen Nutzen sehen Sie konkret in dem Workshop-Teil, den Mitarbeiter der CreditPlus Bank halten werden? 

Inhaltlich ist es für die Jugendlichen natürlich sehr interessant zu hören, wie man einen Kredit aufnimmt, welche Voraussetzungen man dazu erfüllen muss, welche Konditionen üblich sind, was zu tun ist, damit man nicht über den Tisch gezogen wird oder wie man Schulden vermeidet.

Daneben ist es aber besonders wichtig, dass die Mitarbeiter von CreditPlus aus der Praxis kommen und glaubhaft berichten, wie es im Tagesgeschäft bei ihnen wirklich zu geht. Zum einen wird so das Thema möglichst anschaulich vermittelt. Zum anderen bauen wir so die Angst vor Institutionen ab und zeigen, dass Banker ganz normale Menschen sind. Die Jugendlichen erfahren, dass sie nicht Bittsteller sind und auch Fragen stellen dürfen.

 

Als ich Frau Arnold im Interview gegenüber saß, war ich beeindruckt, mit welchem Engagement und welcher Begeisterung sie sich um die jungen Leute kümmert. Kennen Sie auch jemanden, der mit chancenarmen Jugendlichen zusammenarbeitet und Themen der finanziellen Allgemeinbildung vermittelt? Was ist dabei besonders wichtig?

Weiterführende Links:

Blogbeitrag mit Video zum Finanz-Workshop bei der eva

Homepage der eva Stuttgart

Melanie Klagmann

MELANIE KLAGMANN

ehemals Unternehmenskommunikation/ Social Media bei CreditPlus


2 Kommentare

Wir konnten im Interview nicht auf alle Punkte der Seminare eingehen und haben lediglich verschiedene Beispiele besprochen – quasi als ein Auszug aus dem Seminarprogramm.

Auch ich finde, dass beim Thema Finanzen die Versicherungen ein wichtiger Aspekt sind.

Versicherungen werden ausführlich (auch nach Wichtigkeit) behandelt. Dies fängt bei den Pflichtversicherungen, wie die Sozialversicherungen (Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung) an und geht über die Kfz-Versicherung weiter zu den freiwilligen Versicherungen, wie Privathaftpflicht- und Berufsunfähigkeitsversicherung, evtl. auch Rentenvorsorge, über zur Hausrat- und Rechtschutzversicherung etc.

Die jungen Menschen machen in dem Seminar u.a. auch mehrere (heutiger Stand, als Auszubildende, Gehaltsempfänger) Budgetplanungen (Einnahmen/Ausgabenübersicht). Dazu wird auch das Wissen, was ein Brutto- bzw. Nettogehalt ist vermittelt.

Somit wissen die jungen Menschen nach dem Seminar wie viel Geld sie i.d.R noch zur freien Verfügung haben.

GABRIELA ARNOLD - SEMINARLEITERIN

23. Oktober 2012

Das Thema Versicherungen wurde hier leider vergessen. Im Zusammenhang mit dem Antritt einer Ausbildung sollten verschiedene – sehr wichtige – Versicherungen abgeschlossen werden. Hier wäre das verstärkte Einwirken der Eltern auf die Jugendlichen wünschenswert. Würden sich die Eltern mit den Kindern rechtzeitig vor Ausbildungsbeginn darum kümmern, welche Versicherungen der Auszubildende braucht, beim Versicherungsabschluss helfen und Sorge dafür tragen, dass die Versicherungen zeitgleich mit dem ersten Ausbildungsgehalt abgebucht werden, lernen die Jugendlichen sofort, dass nur noch ein Teil des Geldes zur freien Verfügung vorhanden ist. Dies ist jedoch in den meisten Fällen immer noch wesentlich mehr Geld, als Sie bisher im Taschengeldrahmen zur Verfügung hatten!

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